Was reiben sich Bestatter unter die Nase?
Das Geheimnis der Erkältungssalbe
Was reiben sich Bestatter unter die Nase? Wir klären auf, was an dem berühmten Hollywood-Klischee wirklich dran ist und wie der moderne Bestatteralltag tatsächlich aussieht.
Ein bekanntes Bild aus dem Fernsehen
Jeder kennt diese spezifischen Szenen aus spannenden Kriminalfilmen oder düsteren Thrillern. Ein Ermittler betritt einen schwach beleuchteten Raum, in dem vor ihm ein lebloser Körper liegt. Bevor er oder der Bestatter an die Arbeit geht, greift er in seine Tasche, holt eine kleine Dose heraus und reibt sich eine zähe Paste direkt unter die Nase.
Die kurze Antwort auf die Frage, ob das real ist, lautet: Ja, dieser Trick existiert tatsächlich. Die verwendeten Mittel sind dabei banal wie wirkungsvoll: Oft handelt es sich um Vicks VapoRub, reines Pfefferminzöl, Eukalyptusöl oder konzentriertes Menthol. In der Not greifen Profis sogar zu gewöhnlicher Zahnpasta oder starkem Parfüm. Doch wie so oft sieht die heutige Realität völlig anders aus.
1. Die biologische Täuschung der Sinne
Geruchsmaskierung
Unser Geruchssinn ist extrem empfindlich. Der Trick mit der scharfen Salbe basiert auf einer simplen Überlistung unserer Wahrnehmung. Die intensiven ätherischen Öle reizen die Rezeptoren in der Nase derart massiv, dass das Gehirn für subtilere oder extrem unangenehme Gerüche vorübergehend völlig blind wird.
Kühleffekt
Zudem erzeugt der Wirkstoff Menthol ein intensives Kältegefühl auf den empfindlichen Schleimhäuten. Dieses künstliche Frischegefühl erleichtert die Atmung und bildet einen psychologisch wichtigen Kontrast zu der oft als drückend empfundenen Luft in einem Raum voller Verwesung.
2. Zwischen Hollywood und Realität
Wer glaubt, dass Bestatter jeden Morgen tief in die Mentholdose greifen müssen, um ihren Arbeitstag zu überstehen, irrt gewaltig. Im normalen Arbeitsalltag moderner Bestattungsinstitute ist das Überdecken von Gerüchen heutzutage schlichtweg überflüssig. Das Bild des schniefenden Totengräbers ist ein Relikt vergangener Jahrzehnte.
Der typische Leichengeruch entsteht durch natürliche Fäulnis- und Verwesungsprozesse, bei denen Bakterien Gase produzieren. Heute werden Verstorbene unmittelbar nach dem Tod in spezialisierten Kühlzellen bei Temperaturen zwischen 2 und 4 Grad Celsius aufbewahrt. Diese konstante Kälte stoppt die bakterielle Zersetzung nahezu vollständig.
Heutige Versorgungsräume gleichen eher hochmodernen medizinischen Laboren. Sie sind mit leistungsstarken Absauganlagen im Boden oder Werktisch ausgestattet. Diese ziehen die Raumluft sofort nach unten ab. Flankiert wird dies durch enzymatische Reiniger, die Geruchsmoleküle nicht nur überdecken, sondern restlos aufspalten.
3. Die extremen Ausnahmen
Dennoch gibt es Situationen, in denen selbst die beste Technik an ihre Grenzen stößt und der Griff zur Erkältungssalbe unvermeidlich wird. Solche Extreme erleben Bestatter und Pathologen vor allem in drei Fällen:
- • Spätentdeckte Todesfälle: Versterben Menschen einsam und werden im Sommer erst nach Wochen gefunden, ist der Zersetzungsprozess extrem. Die Leichengase triggern einen tief verwurzelten evolutionären Würgereflex, der ohne Menthol kaum kontrollierbar wäre.
- • Exhumierungen: Wenn ein Sarg nach vielen Jahren im Erdreich für eine Umbettung erneut geöffnet werden muss.
- • Aufwendige Thanatopraxie: Bei der speziellen Rekonstruktion stark verwester Körper für eine offene Aufbahrung.
4. Die Macht der Psychologie
Neben dem rein physischen Schutz vor dem Gestank spielt ein weiterer Aspekt eine vielleicht noch viel größere Rolle: Der emotionale Schutzschild.
Der menschliche Geruchssinn ist anatomisch direkt mit dem Limbischen System im Gehirn verknüpft – dem Zentrum für unsere Emotionen und tiefsten Erinnerungen. Der Geruch des Todes löst instinktiv Unbehagen, Ekel und Trauer aus. Ein frischer und vertrauter Duft nach Eukalyptus fungiert daher als mentales Werkzeug, das dem Bestatter hilft, fokussiert und ruhig zu bleiben.
