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Werden die Leichen vor der Einäscherung aus den Särgen genommen?

Der letzte Weg ins Licht: Mythen und Fakten der modernen Feuerbestattung

Es ist ein kühler Morgen und ein leises Summen durchdringt die hellen Flure des städtischen Krematoriums. Immer mehr Menschen entscheiden sich in der heutigen Zeit für eine Einäscherung. Doch gerade weil dieser Prozess hinter verschlossenen Türen stattfindet, ranken sich unzählige Legenden um den Vorgang. Ein besonders hartnäckiges Gerücht besagt, dass die Leichname unmittelbar vor der Verbrennung heimlich aus ihren hölzernen Ruhestätten gehoben werden, um das teure Holz mehrfach zu verkaufen. Wer jedoch die Arbeit der Bestatter und Anlagenführer kennt, weiß, dass dies ein völliger Irrglaube ist. Der verstorbene Mensch wird ausnahmslos in genau dem Sarg eingeäschert, in dem er zuvor aufgebahrt wurde. Der Deckel bleibt fest verschlossen und das gesamte Ensemble gleitet unberührt in die sogenannte Muffel, den eigentlichen Brennofen.

Warum das letzte Bett nicht mehr verlassen wird

Für dieses strikte Vorgehen gibt es eine Reihe gewichtiger Gründe, die weit über bloße Vorschriften hinausgehen. An erster Stelle steht die unantastbare Würde des Menschen. Die oberste Prämisse bei der täglichen Arbeit mit Verstorbenen ist ein tief empfundener Respekt. Den Körper nach dem Eintritt des Todes und nach der liebevollen Einbettung durch die Angehörigen noch einmal aus seinem Sarg zu holen, ihn vielleicht sogar zu entkleiden oder grob umzulagern, würde von allen Beteiligten als extrem respektlos und zutiefst entwürdigend empfunden werden. Der Sarg gilt in der Bestattungskultur als der ultimative Schutzraum.

Gesundheitsschutz für das Personal

Neben der Pietät spielt der profane Arbeitsschutz eine ebenso entscheidende Rolle. Sobald ein Mensch verstorben ist, setzen unweigerlich natürliche Zersetzungsprozesse ein. Der menschliche Körper kann im Zuge dieser biologischen Vorgänge verschiedene Flüssigkeiten absondern oder es können sich unvorhersehbare Gase bilden. Das direkte Hantieren an einem ungeschützten Leichnam unmittelbar vor der extremen Hitze der Anlage würde ein massives hygienisches Risiko für die Mitarbeiter darstellen. Aus strengen arbeitsschutzrechtlichen Gründen ist ein solches Vorgehen daher schlichtweg verboten.

Die Physik der Einäscherung

Zudem erfüllt der Sarg beim technischen Ablauf der Kremation eine überaus wichtige Funktion. Er ist keineswegs nur ein repräsentativer Behälter für die Trauerfeier, sondern ein absolut essenzieller Teil des gesamten Verbrennungsprozesses. Die Einäscherung eines menschlichen Körpers erfordert enorm viel Energie. Das Holz liefert hierbei die zwingend notwendige Anfangsenergie und die brennbare Masse. Nur so können die extrem hohen Temperaturen von achthundert bis eintausendeinhundert Grad Celsius schnell und effizient erreicht werden. Ohne die brennbare Masse des Holzes wäre der komplexe physikalische Prozess der Einäscherung technisch kaum umsetzbar.

Für diesen Zweck werden spezielle Behältnisse verwendet. Diese sogenannten Kremationssärge sind baulich exakt auf die Feuerbestattung abgestimmt. Sie kommen völlig ohne klassische Metallteile wie massive Scharniere oder eiserne Griffe aus. Solche Elemente würden in der enormen Hitze schmelzen und im schlimmsten Fall die wertvolle Asche verunreinigen. Stattdessen fügen die Schreiner die Holzbretter lediglich mit hölzernen Dübeln oder speziellen hitzebeständigen Klebstoffen zusammen.

Vorbereitungen vor dem letzten Schließen

Obwohl der Körper nach der Einbettung nicht mehr entnommen wird, müssen die Fachkräfte im Vorfeld höchste Sorgfalt walten lassen. Bestimmte Gegenstände dürfen unter keinen Umständen in den Ofen gelangen. Herzschrittmacher müssen zwingend vor der finalen Schließung des Sarges operativ entfernt werden, da ihre Batterien in der Hitze explodieren könnten. Eine solche Detonation würde nicht nur die teure Anlage schwer beschädigen, sondern auch das Leben der Techniker akut gefährden. Auch persönlicher Schmuck wie Ringe oder Uhren wird in der Regel vorher abgenommen und den trauernden Familienmitgliedern als Erinnerungsstück übergeben.

Anders verhält es sich mit großen medizinischen Implantaten aus dem Bereich der Orthopädie. Ein künstliches Hüftgelenk aus Titan verbleibt im Körper, da eine nachträgliche Entfernung einen massiven Eingriff bedeuten würde. Diese Metalle schmelzen bei den herrschenden Temperaturen nicht. Sie werden nach dem Abkühlen der Asche mit einem starken Magneten sorgfältig herausgefiltert und einem speziellen Recyclingkreislauf zugeführt.

Die feuerfeste Garantie der Identität

Eine der größten Sorgen vieler Angehöriger ist die Angst vor einer Verwechslung. Da der Sarg komplett blickdicht in die Flammen fährt, verlangt das Gesetz eine lückenlose Identifikationskette. Bevor die Hitze ihr Werk beginnt, legt der Anlagenführer einen besonderen Gegenstand bei. Eine feuerfeste Identifikationsplakette aus spezieller Keramik begleitet den Verstorbenen durch das Feuer und garantiert die absolute Eindeutigkeit der Asche. In diesen sogenannten Schamottestein sind eine individuelle Nummer sowie die Daten des Verstorbenen dauerhaft eingeprägt.

Dieses kleine Stück Keramik übersteht das Inferno im Inneren der Anlage völlig unbeschadet. Wenn die sterblichen Überreste schließlich geborgen werden, liegt die Plakette gut sichtbar in der Asche. Sie wird gemeinsam mit den Überresten in eine Kapsel gelegt, bevor diese endgültig versiegelt wird. Erst durch diesen streng regulierten Ablauf können die Familien absolut sicher sein, dass sie genau jenen geliebten Menschen auf dem Friedhof beisetzen, von dem sie sich zuvor unter Tränen verabschiedet haben. Der Mythos des wiederverwendeten Holzes und der vertauschten Urnen ist somit nichts weiter als eine schaurige Geschichte ohne jeden Wahrheitsgehalt.

 

Praktischer Hinweis

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